Zitadelle von Aleppo

Die Zitadelle von Aleppo (arabisch قلعة حلب, DMG Qalʿat Ḥalab) steht auf einem Hügel (Tell) inmitten der Altstadt Aleppos in Nordsyrien. Sie wird als eine der ältesten und größten Festungen der Welt angesehen. Frühste Siedlungsspuren führen bis in die Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus zurück. Der Ort wurde von vielen Zivilisationen bewohnt, unter anderem von den Griechen, Byzantinern, Ayyubiden und Mamluken. Der größte Teil der heutigen Gebäude und Wehranlagen stammt wohl aus der Zeit der Ayyubiden im 13. Jahrhundert. Große Restaurierungsarbeiten fanden Mitte der 2000er Jahre statt und wurden vom Aga Khan Trust for Culture und der Archäologischen Gesellschaft Aleppo durchgeführt. Sie ist eine Touristenattraktion und ein Ort von Grabungen und archäologischen Studien. Seit 1986 ist die Zitadelle, die die Altstadt dominiert, Teil des UNESCO-Welterbes. Wegen des gegenwärtigen Bürgerkriegs droht die Zitadelle zerstört zu werden.

Geschichte

In den Keilschrifttexten von Ebla und Mari wurde ein Hauptheiligtum des Wettergottes Adad in Aleppo erwähnt. Dieser Tempel aus dem dritten Jahrtausend vor Christus wurde vor kurzem entdeckt. Aleppo wurde später zur Hauptstadt des Reiches Jamchad (19. bis 17. Jh. v. Chr.). Nach einer populären Geschichte leitet sich der Name Aleppo von dem Umstand her, dass Abraham auf dem Hügel seine Schafe molk. Nach dem Zerfall des späthethitischen Staates von Aleppo dominierten die Assyrer die Region (8. bis 4. Jh. v. Chr.), die dann von den Babyloniern und den Persern (539 bis 333 v. Chr.) abgelöst wurden.

Seleukiden

Nachdem Aleppo von Alexander dem Großen erobert worden war, wurde die Stadt von dessen General Seleukos I. – dem Gründer des Seleukidenreiches – verwaltet und in „Beroia“ umbenannt. Die Seleukiden errichteten zwischen der Zitadelle und dem Fluss eine Stadt nach hellenistischem Vorbild. Mittelalterliche arabische Historiker berichten, dass die Geschichte der Zitadelle unter Seleukos I. begann. Bis zu 2 Meter dicke Siedlungsschichten aus dieser hellenistischen Ära finden sich an manchen Stellen der Zitadelle. Eine Säulenstraße aus dieser Periode führte von Westen her hoch zur Zitadelle; der Suq von Aleppo steht auf diesem Straßennetz.

Rom und Byzanz

Der letzte Seleukide wurde 63 n. Chr. durch die Römer abgesetzt. Bei einem Besuch des Imperators Julian im Jahr 363 in Aleppo sagte dieser: „Ich blieb einen Tag lang dort, besuchte die Akropolis, opferte dem Zeus einen weißen Bullen nach kaiserlichem Brauch und sprach kurz mit dem Stadtrat über die Götterkulte“. Es gibt nur wenige römische Relikte in der Zitadelle. Nach der römischen Reichsteilung von 395 wurde Aleppo Teil des Oströmischen Reiches. Während der Kämpfe zwischen Ostrom und den persischen Sassaniden unter Chosrau II. im 7. Jahrhundert, flohen die Stadtbewohner in die Zitadelle, da die Stadtmauern in einem schlechten Zustand waren. Aus byzantinischer Zeit gibt es einige wenige Überreste. Zwei Moscheen stellten sich als umgebaute byzantinische Kirchen heraus.

Frühe islamische Herrscher

Muslimische Armeen eroberten Aleppo 636. Es ist nicht viel aus dieser frühislamischen Zeit bekannt, außer, dass nach einem größeren Erdbeben Reparaturarbeiten erfolgten. Aleppo war eine Grenzstadt zwischen den Arabern und Byzanz. 944 eroberte der Hamdanide Saif ad-Daula die Stadt, woraufhin Aleppo als seine Hauptstadt eine politische und wirtschaftliche Wiedergeburt erlebte. Die Hamdaniden bauten ihren Palast am Fluss, mussten aber nach Angriffen der Byzantiner 962 ihren Palast in die Zitadelle verlegen. Nach den Hamdaniden folgte eine Periode der Instabilität, gekennzeichnet durch byzantinische und beduinische Angriffe, und einer kurzen Herrschaft der Fatimiden.

Zengiden und Ayyubiden

Die Zitadelle erlebte ihre wichtigste Zeit während der Kreuzzüge. Der Zengide Imad ad-Din Zengi und sein Sohn Nur ad-Din vereinigten die Gebiete um Aleppo und Damaskus und verhinderten Einfälle der Kreuzfahrer. Viele bekannte Kreuzfahrer wurden in der Zitadelle gefangengehalten, so zum Beispiel der Graf von Edessa Joscelin II., der hier verstarb, der Fürst von Antiochia, Renaud de Châtillon und der König von Jerusalem, Balduin II., der hier zwei Jahre verbrachte. Nur ad-Din baute die Stadtmauern wieder auf und befestigte die Zitadelle. Er baute die Rampe zum Eingang der Zitadelle, einen Palast und eine Rennbahn. Er ließ auch die zwei Moscheen reparieren und spendete einen hölzernen Mihrab für die Abraham-Moschee. Dieser Mihrab verschwand während der französischen Mandatsherrschaft im 20. Jahrhundert.

Der Ayyubide az-Zahir Ghazi, ein Sohn Saladins, beherrschte Aleppo zwischen 1193 und 1215. Während seiner Herrschaft wurden größere Arbeiten an der Befestigung der Zitadelle durchgeführt und neue Gebäude gebaut, die Zitadell erhielt ihre heutige Form. Az-Zahir Ghazi verstärkte die Mauern, glättete überstehende Teile und verkleidete die Böschung des Hügels am Eingang mit Steinen. Der Burggraben wurde vertieft, mit Wasserkanälen verbunden und mit einem großen Viadukt, der heute noch als Zugang zur Zitadelle dient, überspannt. Anfang des 13. Jahrhunderts wandelte sich die Zitadelle zu einer Palaststadt mit vielen verschiedenen funktionellen Gebäuden: Paläste, Bäder, Moscheen, Schreine, Waffenarsenale, Truppenübungsplätze, Wasserzisternen und Kornhäuser. Am bedeutendsten war die Renovierung des Eingangsbereiches 1213. Az-Zahir Ghazi restaurierte die zwei Moscheen und erweiterte die Stadtmauern, die nun auch die südlichen und östlichen Stadtteile umfassten und so die Zitadelle mehr ins Zentrum der Stadt rückten.

Mongolen und Mamluken

Die Zitadelle wurde während der mongolischen Invasion in Syrien 1260 beschädigt und noch mal um 1400/1401 durch Timur aus Zentralasien zerstört. 1415 machte sich der mamlukische Prinz Saif ad-Din Dschakam daran, die Zitadelle wieder aufzubauen. Aleppo war damals eine große Handelsstadt mit 50.000 bis 100.000 Einwohnern. Dschakams Arbeiten beinhalteten zwei neue Beobachtungstürme am nördlichen und südlichen Hang sowie einen neuen Palast auf einem Turm; der ayyubidische Palast wurde fast ganz aufgegeben. Der mamlukische Sultan al-Ghuri ersetzte das flache Dach des Thronsaales durch eine neue Decke mit neuen Kuppeln.

Osmanisches Reich

Während der osmanischen Herrschaft nahm die militärische Rolle der Zitadelle ab, da die Stadt über die Stadtmauern hinauswuchs und Aleppo mehr und mehr zur Großstadt wurde. Die Zitadelle wurde aber immer noch dazu genutzt, die osmanische Garnison zu beherbergen. Die Größe der Garnison ist nicht bekannt. Ein venezianischer Reisender berichtete von etwa 2000 Menschen, die im Jahr 1556 innerhalb der Zitadelle lebten; 1679 sprach der französische Konsul Laurent d’Arvieux von 1400 Leuten, von denen 350 Janitscharen (osmanische Elitesoldaten) waren. Sultan Süleyman I. restaurierte die Zitadelle 1521.

1822 beschädigte ein Erdbeben die Zitadelle und Stadt schwer. Danach lebten nur noch Soldaten in der Zitadelle, der osmanische Gouverneur Ibrahim Pascha benutze die Steine der zerstörten Gebäude, um Kasernen zu bauen. Abdülmecid I. renovierte die Zitadelle 1850/51, eine Windmühle stammt wohl aus dieser Zeit.

Französisches Mandat

Während der französischen Herrschaft (1920–45) hatten auch die Franzosen ihre Soldaten in der Zitadelle stationiert. Sie begannen in den 1930ern mit archäologischen Ausgrabungen und umfangreichen Restaurierungsarbeiten. Der mamlukische Thronsaal wurde umfassend restauriert, inklusive einer neuen Decke im Damaszener Stil des 19. Jahrhunderts.

Bürgerkrieg in Syrien

Seit dem Bürgerkrieg 2012 ist Aleppo eine umkämpfte Stadt. Vieles an alter Bausubstanz wurde beschädigt oder zerstört. Auch die Zitadelle wurde in Mitleidenschaft gezogen. Am 12. Juli 2015 wurde sie durch eine Explosion schwer beschädigt. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte gab bekannt, dass die Außenmauer eingestürzt sei, nachdem Truppen der syrischen Regierung einen Tunnel der Aufständischen gesprengt hätten. Laut einer Pressemeldung der syrischen Nachrichtenagentur seien hingegen Rebellen für die Beschädigung verantwortlich. Der angrenzende historische Basar wurde schon in der Nacht vom 28. auf den 29. September 2012 durch ein Großfeuer weitgehend zerstört, das offenbar auf Kampfhandlungen beruhte.

Aufbau

Unter den zahlreichen Bauelementen der Zitadelle sind vor allem die folgenden erwähnenswert.

Hügel und Burggraben

Die heutige Zitadelle thront auf einem 50 Meter hohen Hügel, dessen Basis 450 x 325 Meter groß ist. Die Fläche der Zitadelle selbst ist 285 x 160 Meter groß. In der Vergangenheit war die Böschung des Hügels ganz mit Kalkstein verkleidet; von dieser Verkleidung ist jedoch nicht mehr viel erhalten.

Um den Hügel verläuft ein 22 m tiefer und 30 m breiter Graben. Auffallend ist der befestigte Zugang mit der Brücke über den Graben. Der Zugang vor dem Viadukt stammt aus dem 16. Jahrhundert.

Eingangsbereich

Die enorme steinerne Brücke von az-Zahir Ghazi führt zu einem imposanten Eingangskomplex. Mögliche Angreifer mussten, um in die Zitadelle einzudringen, einen mehrfach gewinkelten Weg nehmen: Erst nach einer Abfolge von fünf rechtwinkligen Wendungen und drei großen Toren gelangt man zum Eingang der inneren Hauptburg. Verteidiger konnten über Maschikuli (Öffnungen) in den Mauern heiße Flüssigkeiten über die Angreifer kippen. Außerdem hatten die Verteidiger geheime Wege, um hinter die Angreifer zu kommen. Der Hauptweg war mit figurativen Reliefs geschmückt. Auf diesen ayyubidischen Gebäuden errichteten die Mamluken später ihren Thronsaal.

Ayyubidischer Palast und Hammam

Az-Zahir Ghazis eigener Palast der Glorie brannte in seiner Hochzeitsnacht ab, wurde aber wieder aufgebaut und zählt zu den beeindruckendsten und wichtigsten Monumenten der Zitadelle. Aus der Ayyubidenzeit stammen außerdem ein Eingangsportal mit wabenartigem Muqarnas-Dekor und ein gekachelter Innenhof.

Der mittelalterliche Hammām wurde im traditionellen Stil gebaut und hatte daher drei Abschnitte: Im ersten wurde sich umgekleidet und ausgeruht, im zweiten gab es einen gewärmten Raum, dem dann im dritten Abschnitt ein Heißraum und ein Dampfraum mit Nischen folgten. Kaltes und heißes Wasser wurden durch keramische Rohre geleitet.

Moscheen

In der Zitadelle stehen zwei Moscheen, die einst byzantinische Kirchen waren: die Abraham-Moschee und die Große Moschee. Den höchsten Punkt der Zitadelle bildet das 21 m hohe Minarett der Großen Moschee.

Brunnen und unterirdische Gänge

Die Zitadelle hat nicht nur über Bauten an der Oberfläche, sondern es wurden mehrere Brunnen bis 125 m unter die Oberfläche getrieben. Daneben gibt es noch unterirdische Gänge, die die Türme miteinander verbinden und vielleicht sogar unter dem Graben hindurch in die Stadt führen.

Amphitheater

1980 wurde in der Zitadelle ein modernes Theater für Veranstaltungen und Konzerte gebaut.

Literatur

  • Julia Gonnella, Wahid Khayyata, Kay Kohlmeyer: Die Zitadelle von Aleppo und der Tempel des Wettergottes. Neue Forschungen und Entdeckungen. Rhema-Verlag, Münster 2005, ISBN 3-930454-44-0.
  • Stefano Bianca (Hrsg.): Syria. Medieval Citadels Between East and West. Allemandi, Turin 2007, ISBN 978-884-221449-6 (archnet.org).
  • Julia Gonnella: The Citadel of Aleppo. Description, History, Site Plan and Visitor Tour. (Guidebook). Aga Khan Trust for Culture and the Syrian Directorate-General of Antiquities and Museums, Genf 2008, ISBN 978-2-940212-02-6 (archnet.org).

Weblinks

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Tipps & Hinweise
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Stefan Crisan
5. March 2015
Someday I will visit this beautiful place
Stepan Chizhov
11. May 2013
Ancient City of Aleppo is a UNESCO World Heritage Site
Husam Ismail
24. December 2010
قلعة حلب ، مع فنجان القهوة الصباحي .. ونسمات حلب
Hady Zzz
24. November 2012
اي الله يرحم حلب
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