Notre Dame du Haut

Notre Dame du Haut (französisch: Chapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp auf deutsch: Unsere Liebe Frau von der Höhe) ist eine 1955 katholisch geweihte Wallfahrtskirche in der französischen Gemeinde Ronchamp bei Belfort im Osten des Départements Haute-Saône. Das Bauwerk liegt auf dem Hügel Bourlémont auf 472 Meter Höhe und ist weithin sichtbar. Die Kapelle mit Patrozinium Mariä des französisch-schweizerischen Architekten, Architekturtheoretikers und Stadtplaners Le Corbusier zählt zu den berühmtesten modernen Kirchenbauten und avancierte durch ihre Vielzahl an visuellen Metaphern, dem Reichtum an Raumgliederung sowie ihren Vorbildcharakter zur Architekturikone.

Lage

Die Notre Dame du Haut steht auf dem 472 Meter hohen Bourlémont-Hügel, rund 150 Meter höher als der südlich der Kapelle gelegene Ortskern von Ronchamp. Die Kapelle ist vom Ort aus über eine steil ansteigende Straße zu erreichen. Die Anhöhe besteht aus einer mit einer teilweise bewaldeten Gras- und Pflanzenteppich bewachsenen Lichtung, die sich in die vier Himmelsrichtungen öffnet. Im Westen befindet sich die Talebene der Saône, im Osten sind die drei Belchengipfel der Planche-des-Belles-Filles sowie die Burgundische Pforte gelegen; im Süden öffnet sich die lange Linie der Juragipfel, der Mont de Vanne im Norden gehört zum ersten Vorgebirge der Vogesen. Von dem Hügel aus ist ein weiter Panoramablick auf die umliegende Landschaft möglich.

Geschichte

Kultstätte und Vorgängerbauten

Mit großer Wahrscheinlichkeit diente der Hügel von Ronchamp bereits zur Zeit der Kelten als Pilgerstätte, Meditations- und Gebetsort. Dafür spricht die geografisch-strategische Lage des Hügels. Urkundlich erwähnt und damit gesichert bekannt ist, dass Ende des 11. Jahrhunderts eine Kirche bis in die Zeit der Französischen Revolution bestand, die zu einer Abtei von Besançan gehörte. Diese war der Nativité de la Vierge (deutsch: Mariä Geburt) geweiht – dem Namen der Notre Dame du Haut im 18. Jahrhundert. Ronchamp als Wallfahrtsort wird schon im 15. Jahrhundert durch einen Geleitbrief von Graf Othon von Burgund bezeugt. Zweimal im Jahr zu den Wallfahrtszeiten hielt man auch einen großen Markt ab.

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde auf Beschluss des Erzbistums von Besançon im Dorfkern Ronchamps eine Kirche erbaut. Nach einem Erlass König Ludwigs XV. wurde im Vorfeld der hugenottischen Gebiete von Montbéliard die Notre Dame du Bas errichtet. Der Zusatz du Bas sollte die neue Kirche von der Kapelle du Haut unterscheiden, die fortan nur noch als Wallfahrtskapelle genutzt wurde. Die glasierten Ziegel der Glockentürme beider Kirchen ähnelten sich und entsprachen dem Stil, der in der Franche-Comté üblich war. Im Zuge der Französischen Revolution wurde 1789 die Kapelle als Nationaleigentum an einen Händler aus Luxeuil verkauft. Bereits ein Jahr später schlossen sich allerdings 40 Familien aus Ronchamp zusammen, um die Kapelle zurückzukaufen und diese ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. Seither ist die Kirche Privateigentum.

Im 19. Jahrhundert erlebten die Wallfahrten einen neuen Aufschwung. Gefördert von Erzbischof Kardinal Jacques-Marie-Adrien-Césaire Mathieu wurde die Kapelle vergrößert und nach mehrjähriger Bauzeit 1857 ein oktogonales Vorwerk errichtet, das von vier bekrönten Türmen flankiert war. Auf einem der Türme ragte in der Mitte eine große Marienstatue auf. Das Ziel war, Ronchamp als Wallfahrtsort so bedeutsam wie Lourdes zu machen. Weitere Arbeiten mussten 1864 jedoch aus Geldmangel eingestellt werden. Die Annalen berichten von einer großen Wallfahrt nach dem Deutsch-Französischen Krieg; 1873 sollen sich über 30.000 Pilger versammelt haben, um die Verluste im Elsass und Lothringen zu betrauern.

Nachdem die alte Pilgerstätte aus dem 15. Jahrhundert (mit Anbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert) im August 1913 infolge eines Blitzschlags ausgebrannt war, wurde von 1923 bis 1926 eine Kirche mit gotischen Stilelementen errichtet. Der alte Glockenturm war zwar erhaltengeblieben, wurde aber 1930 durch einen neuen ersetzt und mit einem Vordach und einer Balustrade ergänzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde im September 1944 bei einem Artillerieangriff auf den hart umkämpften Hügel die Kirche zerstört. Das Kirchenschiff erlitt durch die Einschläge der Artilleriegranaten Risse; der Turm wurde von Bomben der amerikanischen Luftwaffe getroffen und ist beschädigt worden. Der Hügel von Bourlémont diente als wichtiger Beobachtungsposten und Riegel zur Burgundischen Pforte. Am 2. Oktober gelang es der ersten Panzerdivision der Französischen Truppen, Ronchamp zu befreien. Zum Gedenken an diese Kämpfe und „als Zeichen des Opfers und als Mahnmal für den Frieden“ wurden eine kleine Stufenpyramide und ein Friedensdenkmal auf dem Platz vor der Kirche errichtet. Die heutige Kirche besteht neben Beton auch aus Bruchsteinen dieses früheren Bauwerks.

Die heutige Kapelle

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Ronchamp für den Wiederaufbau eine Grundstücksgesellschaft gegründet. Im Krieg waren rund 2000 Bauwerke in Frankreich zerstört worden. Für die Wiederherstellung dieser Gebäude versuchte man, renommierte zeitgenössische Künstler und Architekten zu gewinnen.

Im Falle der Kapelle von Ronchamp nahm das Erzbistum Besançon über die Domherren Leudeur und François Mathey Kontakt zu Le Corbusier auf. Dieser lehnte es jedoch zunächst ab, für eine „tote Institution“ zu arbeiten. Dank der Vermittlung von Marie-Alain Couturier (1897–1954) und der Beharrlichkeit von einigen Gläubigen und des späteren Freundes von Corbusier, Maurice Jardot, nahm der Architekt den Auftrag aber doch an. Einen ersten Entwurf zeichnete Corbusier nach einem Besuch vor Ort im Juni 1950; das erste Modell stellte er im Dezember 1951 vor. Corbusiers Recherchen und Gedanken zu diesem Projekt sind überliefert und dokumentieren, dass seine anfängliche Ablehnung in Begeisterung umschlug. Besonders die exponierte Lage war für ihn wichtig; er markierte in seinen Recherchen die Stellen, in denen von der Kapelle die Rede war, dass „man sie so schön von weitem sah“. Genau diese Lage war auch eine Herausforderung für den Bau der neuen Kapelle. Es existierte bis dahin keine Straße auf den Hügel. Corbusier entschied bereits zu diesem Zeitpunkt über die Verwendung von Beton als Baumaterial und dass sämtliche Arbeiten mit einer einzigen Mannschaft auszuführen seien.

Nach fünf Jahren der Planung und zweijähriger Bauzeit – der Baubeginn war am 9. September 1953 mit dem Abriss des Ruine des Vorgängerbaus – wurde die Kapelle am 25. Juni 1955 ihrer Bestimmung übergeben. Anlässlich der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils fand am 14. Oktober 1962 eine große Wallfahrtsmesse an der Notre Dame du Haut statt. An dieser bedeutendsten Wallfahrt zu der Kapelle nahmen rund 250.000 Pilger teil. 1974 war das aufgenommene Darlehen für den Bau zurückgezahlt.

Beschreibung

Die Kapelle Notre Dame du Haut von Ronchamp hat einen etwa 30 auf 40 Meter großen, asymmetrischen Grundriss. Der französisch-schweizerische Architekt und Maler Le Corbusier konstruierte eine kombinierte Außen- und Innenkirche. Im Innenraum bietet die Wallfahrtskapelle 200 Menschen Platz. An der Ostseite befindet sich ein Freiluftaltar für Gottesdienste mit bis zu 1200 Personen.

Außen

Die Grundmauern bestehen aus einer weißen Sichtbetonmauer mit rauer Oberfläche. Die Wandstärke variiert zwischen 90 Zentimetern und 2,72 Metern. Die Mauer verläuft von Süden nach Norden in konkaver bzw. konvexer Formgebung und rollt sich im Norden zwischen zwei kleineren, 20 Meter hohen Türmen scheinbar in das Innere des Sakralbaus ein. In der Nische zwischen den beiden Kapellentürmen befindet sich der sogenannte Werktagseingang. Die Sakristei ist über eine außen angebrachte kleine Freitreppe zu erreichen.

Auf der konkaven Ostwand befindet sich ein Freiluftaltar mit einem eigenen Chorraum, einer Sängerempore und einer Kanzel. Ein schlichter Betontisch dient als Altar. Die Mauer bildet zwischen dem Freiluftaltar und der Südseite einen spitzen Winkel. An dieser Stelle befindet sich eine dominierende Wand, auf der sich das muschelförmige Dach bis auf etwa neun Meter erhebt. Damit verfügt die Kapelle über zwei grundsätzlich unterschiedliche Fassaden.

Die Südseite wird von 27 Fenstern von unterschiedlicher Größe und Form durchbrochen, die schachtartig in die Mauer eingelassen sind. Die teilweise farbigen Fenster haben einfache Grundfarben und meist nur wenige Formen oder Ornamente. Auf manche Fenstergläser schrieb Corbusier mit sorgfältiger Schreibschrift einige Sätze aus den Mariengebeten der Pilger, insbesondere aus dem Ave Maria und den Litaneien zu Ehren der Jungfrau Maria.

Untypischerweise auf dieser Seite und nicht im Westen befindet sich eine monumentale, in ihrer Oberfläche beidseitig, künstlerisch emaillierte Haupttür, die jedoch nur an Pilgertagen geöffnet wird. Die Gestaltung des Emails der 3x3 Meter quadratischen, gusseisernen Tür beruht auf einer die Fläche ordnenden und klar ausgeprägten geraden Linienführung. Daran ausgerichtet sind bunte Bäume, Wolken, Sterne, Wege und Hände. Diese Motive verwendete Corbusier oft in seiner Malpraxis. Er rechtfertigte die Verwendung von Email damit, dass es die „Schönheit des Sichtbetons zum Vibrieren“ bringe. Die Türe ist 33 Zentimeter dick und 2,3 Tonnen schwer. Die acht emaillierten Tafeln haben jeweils eine Fläche von 1,13x0,70 Metern. Corbusier führte die Emaillierung selbst aus. Als Vorlage dienten Zeichnungen von André Maisonier, die im Mai 1955 gefertigt wurden.

ausgebildete Wasserspeier]] Links des Hauptportals erhebt sich der etwa 27 Meter hohe, zur Südseite abgerundete Hauptturm, der einer weiteren Kapelle als Sonnenfalle dient. Das durch deren obere Öffnung einfallende Licht wird innen an der weißen konkaven Wandfläche des Turmes sanft reflektiert und fällt gedämpft über den Altarbereich der Kapelle ein. Dieses Prinzip findet auch für die anderen beiden Kapellen Anwendung. Auf der oberen Turmwölbung steht neben einem Blitzableiter ein schlichtes dünnes Metallkreuz. Die Westfront ist fensterlos und rollt sich an ihren beiden Enden um die Nebenkapellen im Nordwesten und Südosten ein. Auf der Westseite befindet sich an der Dachkante ein schlichter, den Nüstern eines Pferdes abstrakt nachgebildeter Wasserspeier, der die plastische Formsprache des Gesamtgebäudes auch im Detail fortsetzt; das Wasser aus der Dachfläche wird somit nicht über ein simples Regenfallrohr in den Boden abgeleitet, sondern über den Speier in eine Brunnenskulptur gelenkt.

Etwas weiter südlich liegt das ebenfalls von Le Corbusier entworfene Gebäude für die Pilger und den Kaplan. Corbusier wandte für die Proportionen der Innenräume das von ihm selbst entwickelte Proportions-System Modulor an; dieses System verwendet Maße und Maßverhältnisse, die sich an der Größe des Menschen orientieren. Auch die Innenausstattung geht auf die Gestaltung Corbusiers zurück, der die Wände mit Fotografien von mittelalterlichen Fresken schmückte, deren großer Bewunderer er war.

Glocken

von Jean Prouvé]] Das Geläut der Kapelle befindet sich wenige Meter westlich des Bauwerks auf freiem Feld. Drei Bronzeglocken in den Schlagtönen e1, fis1 und a1 hängen nebeneinander in einem einfachen Stahlglockenstuhl. Le Corbusier wollte keine Glocken für die Kapelle. Vielmehr plante er eine elektrische Beschallungsanlage, die jedoch nicht zur Ausführung kam. Zum 20. Jahrestag der Einweihung von Notre Dame du Haut errichtete der Architekt Jean Prouvé den Glockenstuhl. Da zwei Glocken aus der Vorkriegszeit erhalten geblieben waren, lag es nahe, diese in das Geläut einzubeziehen. Die neue und kleinste der drei Glocken trägt eine offene Hand als Relief und ist der Mutter und der Ehefrau Le Corbusiers gewidmet.

Dach- und Wandkonstruktion

Das Dach, das aus zwei Betonschalen besteht und einer Krebsschale nachempfunden ist, kragt wie ein riesiger, pilzförmiger Hut teilweise über die Außenwand hinaus. Es bietet so dem Außenaltar, einer Sängerempore und der Kanzel Wetterschutz. Im Inneren der Kapelle hat das Dach die Form eines lockeren, leicht durchhängenden Tuches. Lichtstreifen vermitteln die scheinbare Leichtigkeit der Konstruktion. Das Dach liegt weder auf der Süd- noch auf der Ostwand auf, sondern ruht auf 16 Zentimeter dicken Stahlbetonpfeilern, die in die Mauern eingelassen sind. Die Südmauer hat somit im Inneren optisch keine tragende, sondern eine reine Schutzfunktion.

Aus Kostengründen und zur Vermeidung unnötigen Materialaufwandes für die extrem dicke, sich nach oben verjüngende Wand besteht die Grundkonstruktion aus vertikalen, dreieckigen Stahlbeton-Elementen mit breiter Grundseite, die in Schottenbauweise quer zum Wandverlauf errichtet wurden. Die Zwischenräume dieser Schotten wurden wegen Materialmangels in der Nachkriegszeit zum Teil aus einem Materialmix aus grob abgeviertem Bruchstein, Mauerwerk und Bauschutt der alten Kirche verfüllt und innen- und außenseitig mit einem Gitter überspannt; abschließend wurde eine vier Zentimeter dicke Spritzbetonschicht mittels einer „Betonkanone“ aufgebracht. Durch diese einheitliche Oberfläche suggeriert die Mauer zusammen mit dem weißen Deckanstrich einen einheitlichen Baustoff; ihre äußere Form wirkt zugleich wie ein Lichtsegel, das zur Sonne ausgerichtet ist. Mit tiefen Bohrungen durch das Mauerwerk wurden Öffnungen für die Fenster hergestellt, um die Sonnenstrahlen ins Innere der Kapelle zu lenken. Corbusier bezeichnete diese Wand als „ausgehöhltes Hochrelief“.

Das Dach, die gerundeten, verputzten Mauern, die farbigen Glasöffnungen, welche im Innern ein prächtiges Farbspiel entwickeln, und die Türme aus Steinmauerwerk sind Hauptbestandteile des Gebäudes. Es vermittelt gleichzeitig Erdverbundenheit und Leichtigkeit. Die Erdbezogenheit wird durch die Massivbauweise und die Verwendung des Werkstoffes Beton hervorgerufen. Die Leichtigkeit entsteht durch die in der Mitte nach oben gebogene Form des Daches, das zudem über dem horizontalen Lichtschlitz zu schweben scheint. Das auf der anderen Seite tief herabgezogene Dach betont den behütenden Schutzgedanken.

Zu den Gründen der Verwendung von Beton als dominierenden Baustoff der Kapelle in Ronchamp sagte Le Corbusier:

Шаблон:Zitat

Neben dem künstlerischen Aspekt für den Baustoff sprach auch die Feuerfestigkeit. Corbusier berücksichtigte diesen Sachverhalt, da in einem Führer auf die verschiedenen Brände hingewiesen wurde, welche die früheren Kapellen zerstört hatten.

Innenraum und Ausstattung

Wie das Äußere der Kapelle wird auch der Innenraum von der weißen rauen Grundmauer dominiert. Der Innenraum ist karg eingerichtet und enthält neben den zur Fensterfront verlagerten Bänken einen auf ein leichtes Podest erhobenen Altarraum, der traditionsgemäß orientiert ist. Die gewölbte Wand des Altarraums ist von einem „Sternenmeer um die Marienstatue“ durchbrochen.

Die Mitte des Kirchenraums ist bis auf die Bankreihen leer; bemerkenswert ist der gewölbte, nicht ebenerdige Fußboden. Die Bänke sind auf einem Betonpodest angeordnet. Die Sitzflächen und Rückenlehnen der acht Bankreihen bestehen aus Irokoholz. Zu dieser minimalistischen Anordnung bemerkte Corbusier „Wenn ich sie nicht hätte aufstellen müssen, ich wäre auch ohne sie zufrieden gewesen. Bestimmung des Menschen ist es, im Stehen zu beten.“

Auf der Nordseite befinden sich zwei Nebenkapellen, welche so angelegt sind, dass sie durch sogenannte Sonnenfallen das Oberlicht der zwei kleineren, 20 Meter hohen Türme erhalten.

Neben zwei Weihwasserbecken an den Eingängen der Nebenkapellen befindet sich eine unauffällige Kanzel an der Nordwand. Der Betonkubus ist nicht überdacht und hat ein ebenfalls aus Beton bestehendes Lesepult. Im hinteren Teil der Kirche befinden sich Beichtstühle, die teilweise in die Westwand eingelassen sind. Die Einlassung ist äußerlich durch eine Wölbung an der Stelle der Brunnenskulptur sichtbar. An den sakralen Stellen der Kapelle wurden Steinplatten, Pflastersteine für den Fußboden, Gusseisen für die Kommunionbank, die große Tür und Geländer verwendet.

Die Schlichtheit des Innenraums gilt auch für die Gestaltung der Altäre in den Kapellen. Der Tabernakel des Hauptaltars ist ein auf drei Füßen stehender Würfel mit farbigen Emailmotiven auf weißem Grund. Auf dem Würfel befindet sich ein Kreuz. Auf der Tür des Tabernakels ist das Osterlamm dargestellt, welches von Blumen, Schmetterlingen, Wolken und anderen Motiven umgeben ist. Das dünne, aber monumentale Kreuz aus Ulmenholz hat Corbusier mit dem Modulor berechnet. Es weist eine Höhe von 2,16 und eine Breite von 1,75 Metern auf. Rechts des Altars steht ein ausladender Kerzenständer aus Metall, der die Kerzen der Pilger aufnimmt.

Bedeutung für Architektur und Religion

Die katholische Wallfahrtskapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp ist seit ihrer Einweihung am 25. Juni 1955 ein Anziehungspunkt für Pilger und Touristen. Sie verzeichnet jährlich rund 80.000 Besucher.

Die Kapelle hat für Pilger und christliche Besucher eine große spirituelle Bedeutung. Die Wallfahrt am 8. September, dem Namenstag der Gottesmutter (→ Mariä Geburt), sowie einem großen Fest am 15. August zu Mariä Himmelfahrt gehören zu den größten Feierlichkeiten der Kapelle. In der Osternacht wird zudem ein großes Feuer auf dem Vorplatz entzündet und zu Weihnachten wird in der Mitternachtsmette bei Kerzenschein die Geburt des Jesuskindes gefeiert.

Trotz ihrer bescheidenen Bestimmung und Ausmaße gilt Notre Dame du Haut als die berühmteste und wegweisende Kirchenarchitektur der Moderne und stieg zur Architekturikone auf. Die Kapelle ist zu Beginn des als Brutalismus bezeichneten Architekturstils erbaut worden, wird diesem allerdings trotzdem nicht zugerechnet, obwohl es gewisse Parallelen gibt, wie beispielsweise die Verwendung des Sichtbetons als Baustoff.

In Abkehr von der rationalen Logik des Funktionalismus, die bislang Le Corbusier wesentlich mitgetragen hatte, bietet Ronchamp ein frühes Beispiel des internationalen „Plastischen Stils“. Der fantasievolle, stilistisch völlig neuartige Kirchenbau erregte bereits zur Entstehungszeit größtes Aufsehen, einmal wegen seiner bautechnisch-gestalterischen Originalität, zum anderen durch die Beauftragung eines der einflussreichsten modernen Architekten, der zum Pantheismus neigte und sich selber als atheistisch bekannte. Nach der Fertigstellung des Bauwerks reagierten sowohl Kritiker wie auch Weggefährten Corbusiers gleichermaßen irritiert und konstatierten, er habe mit dieser Formgebung seine Prinzipien verraten. Nikolaus Pevsner bezeichnete die Kapelle als „Manifest des neuen Irrationalismus“; Peter Meyer versah es mit dem Etikett des „romantisch, ultra-subjektiven Projektes“. Die Kapelle von Ronchamp ist Le Corbusiers erstes und neben dem Kloster Sainte-Marie de la Tourette einziges von ihm selbst realisiertes religiöses Bauwerk. Neben Ronchamp und La Tourette sollte die Kirche Saint-Pierre von Firminy-Vert, bestehend aus einer hyperbolischen Schale, einen dritten neuartigen Kirchentyp darstellen. Schon zu Lebzeiten Le Corbusier's war die Erbauung mit großen Schwierigkeiten verbunden. Im Jahre 1965 verzichtete der Pfarrgemeinderat endgültig auf eine Realisierung. Von Le Corbusier gab es keine Ausführungspläne für das inzwischen verkleinerte Bauwerk. Bis zum Jahre 1978 setzte José Oubrerie den Bau fort, dann erfolgte der Baustopp. José Oubrerie war seit 1954 bis zum Tode von Le Corbusier, 1965, in dessen Büro tätig. Erst im Jahre 2003 konnten die Bauarbeiten, wieder unter der Leitung von José Oubrerie, jetzt Lehrender an der Ohio State University Knowlton School of Architecture, aufgenommen werden, um das Werk zu vollenden. Eine Einweihung ist im Herbst 2006 erfolgt.

Heutzutage versteht man die Kapelle Notre Dame du Haut in der Retrospektive zu Corbusiers Gesamtwerk allerdings durchaus in der Kontinuität und Synthese dazu. Pevsner hatte sogar vor einer Wiederholung des „Experimentes“ gewarnt – ohne Erfolg. Zehn Jahre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) verwiesen Befürworter radikal neuer Lösungen auf Ronchamp als Musterbeispiel für moderne Kirchenarchitektur. Die Kapelle wurde zum Vorbild vieler Kirchen in den 1950er und 1960er Jahren. Als Wendepunkt des modernen Kirchenbaus, als Inkunabel der Versöhnung zwischen Kirche und moderner Kunst wurde Notre Dame du Haut oftmals bezeichnet.

Eine im Originalmaßstab nachgebaute Kopie der Kapelle existierte für kurze Zeit im chinesischen Zhengzhou. Aus rechtlichen Gründen ließ die lokale Regierung das Gebäude kurz nach dessen Errichtung wieder abreißen.

Literatur

  • Association de l'Œuvre Notre-Dame du Haut (Hrsg.): Ronchamp: Die Wallfahrtskirche Notre-Dame du Haut von Le Corbusier. Geschichte - Architektur - Liturgie, Regensburg: Verlag Schnell & Steiner 2008, ISBN 978-3795420482 (Heft)
  • Association de l'Œuvre Notre-Dame du Haut (Hrsg.): Ronchamp: Notre-Dame du Haut, Regensburg: Verlag Schnell & Steiner 2008, ISBN 978-3795420482 (gebundenes Taschenbuch)
  • Ralf van Bühren: Kunst und Kirche im 20. Jahrhundert. Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils (Konziliengeschichte, Reihe B: Untersuchungen), Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2008, ISBN 978-3-506-76388-4
  • Wolfgang Jean Stock: Architekturführer. Christliche Sakralbauten in Europa seit 1950/Architectural Guide. Christian Sacred Buildings in Europe since 1950, München/New York 2004
  • Daniele Pauly: LeCorbusier, Die Kapelle von Ronchamp. LeCorbusier, La Cappella di Ronchamp, (deutsch, italienisch), Birkhäuser Verlag 1997, ISBN 978-3-7643-5760-3, teilweise abrufbar unter [1]
  • Barbara Kahle: Deutsche Kirchenbaukunst des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 1990
  • Yves Bouvier, Christophe Cousin: Ronchamp. Eine Kapelle des Lichts, ISBN 2-84093-161-3

Weblinks

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