Kirchengebäude in Deggendorf

Grabkirche, Deggendorf

1.0/10

Die Heilig-Grabkirche St. Peter und St. Paul ist eine Filialkirche der Deggendorfer Pfarrei Mariä Himmelfahrt, zu der die antijüdische Wallfahrt Deggendorfer Gnad führte, bis sie im März 1992 vom Regensburger Bischof mit einer Bitte um Vergebung aufgelöst wurde. Bei der „Gnad“ handelte es sich um eine alljährlich stattfindende sogenannte Hostienwallfahrt, die auf einer mittelalterlich-judenfeindlichen Hostienfrevel-Legende bzw. Judenmord beruht.

Historischer Hintergrund und Quellenlage

Einer zeitgenössischen Quelle von 1338 zufolge wurden im Herbst desselben Jahres die Juden in Deggendorf verbrannt und getötet. Dieser überfallartige Mord mit Opfern unbekannter Anzahl stand offenbar im Zusammenhang mit der hohen Verschuldung von Deggendorfer Bürgern bei den getöteten Juden. Für die darauf folgenden Tage sind, wie in vielen ähnlich gelagerten Fällen, in der niederbayerischen Umgebung von Deggendorf weitere pogromartige Massenmorde an Juden überliefert.</br> Bei der Urkunde handelt es sich um eine von Herzog Heinrich XIV. von Bayern unterzeichnete, die als Abschrift aus dem Jahr 1609 erhalten ist. Darin sichert Herzog Heinrich den (christlichen) Deggendorfern zu, dass „die Bürgschaften, Pfandbriefe und anderen Urkunden, die die Juden von ihnen innehatten“ völlig getilgt seien, und die Täter „auf ewig“ ohne Bußleistung und unbehelligt sein sollen.</br> In den Jahren nach dem Judenmord von 1338 begann man innerhalb der Deggendorfer Stadtmauer mit dem Bau einer Kirche, welche im Jahr 1361 die damals weit verbreiteten Patrozinien „des Leibes Christi und der seligen Apostel Petrus und Paulus“ erhielt. Ob sich die Kirche auf dem Platz einer ehedem vorhandenen Synagoge befindet, konnte bislang nicht geklärt werden. Deggendorf gehörte bereits seinerzeit zum Bistum Regensburg, das damals Bischof Nikolaus von Ybbs unterstand.</br>

Erst zwei Generationen nach dem Massaker spricht die Chronik von den Herzögen Bayerns (1371/1372) für den Herbst 1338 von judenfeindlichen Pogromen in Städten Bayerns bzw. Österreichs. Als Verfolgungsgrund wird hierbei, unter ausdrücklichen Vorbehalten („fama“ bzw. „infamia“) des Chronisten, der Verdacht der „Hostienschändung“ genannt. Die Ermordung der Juden wird darin als gottgewollte Strafe bezeichnet, Deggendorf aber nicht explizit genannt. Die erste Chronik, die den Deggendorfer Judenmord kausal mit dem Vorwurf des Hostienfrevels verbindet und die Legende vom „Hostienfrevel“ ausformuliert, ist die Gründungsgeschichte der Klöster Bayerns, die um 1388 entstanden ist. Darin heißt es, im Jahr 1337 sei in Deggendorf eine Hostie, der „Leib des Herrn“, gefunden worden, die angeblich die „Juden gemartert“ haben sollen. Deswegen seien die Juden ein Jahr später verbrannt worden.

Legendenbildung, Ablass und Wallfahrt

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstand das „Gedicht von den Deggendorfer Hostien“, das eine naiv-phantastische Legende der „Hostienschändung“ erzählt, die mit leichten Veränderungen bis zum Ende des 20. Jahrhundert erhalten blieb. Diese Legende ging von einem sogenannten „Hostienwunder“ aus, wobei man in der Volksfrömmigkeit u. a. die „Mirakelhostien“, welche die legendäre Freveltat angeblich schadlos überstanden hatten, verehrte.

Den überlieferten Ablassurkunden kam in der Begründung und Legitimierung der Deggendorfer Hostienlegende bis in die 1990er Jahre eine wichtige Bedeutung zu. Man ging auch von kirchlicher Seite davon aus, dass der älteste erhaltene Ablass, der wahrscheinlich anlässlich der Weihe eines Bauabschnittes der Grabkirche im Jahr 1361 ausgestellt worden war, eine Besonderheit darstelle und sich auf den angeblichen Hostienfrevel beziehe. Eder kommt in seiner Studie jedoch zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Ablässe seit dem 14. bzw. 15. Jahrhundert „samt und sonders im Rahmen des zur jeweiligen Zeit“ Üblichen blieben und „keinerlei Bezug auf die Hostienlegende“ haben. Obwohl die einst verliehenen Ablässe nach einer gewissen Zeit durch den Apostolischen Stuhl widerrufen wurden, sei man in Deggendorf in Teilen fälschlicherweise von ihrer Gültigkeit und Wirksamkeit ausgegangen.

Erst Anfang des 17. Jahrhunderts scheint die von Stadtpfarrer und bayerischer Herzog „protegierte Hostienwallfahrt vom 29. September bis zum 4. Oktober jeden Jahres vollends aufgeblüht zu sein“. Im Mittelpunkt der volksfrömmigen Wallfahrtspraxis standen die angeblich unversehrt erhaltenen „Mirakelhostien“, die sogenannten Marterwerkzeuge und der „in diesen Tagen in Aussicht gestellte vollkommene Ablaß.“</br> Der Deggendorfer Hostienlegende, so Eders Resümee, sei „in allen Teilen – mit Ausnahme des Judenmordes – jegliche Glaubwürdigkeit abzusprechen“.

Die Legende am Beispiel der Erzählungen von Pfarrer Klämpfl

Der Pfarrer und Heimatforscher Joseph Klämpfl (1800–1873) schilderte 1854 in seinem Buch Der ehemalige Schweinach- und Quinzingau den angeblichen Hostienfrevel. Dabei berief er sich auf die Tradition. Demnach erhielten 1337 die Deggendorfer Juden von einer christlichen Dienstmagd gegen ihre bei ihnen versetzten Kleider 10 Hostien. Die Magd hatte zur Osterzeit zehnmal kommuniziert und dabei das Allerheiligste jedes Mal unbemerkt aus dem Mund genommen und in ihrem Schweißtuch verborgen. Die Juden stachen die Hostien mit Ahlen und dem Zweig eines Rosenstrauches, warfen sie in einen geheizten Backofen und hämmerten auf einem Amboss auf sie ein. Dennoch konnten sie die Hostien nicht zerstören. So steckten sie die Hostien in einen Beutel mit Gift und versenkten diesen in einem Brunnen.</br> Daraufhin starben mehrere Personen an dem vergifteten Wasser. Da sah ein Nachtwächter zur Nachtzeit einen hellen Schein über dem Brunnen, später auch andere Bürger. Man leitete nun eine Untersuchung gegen die Juden ein und entdeckte den Hergang des Frevels. Die Hostien wurden aus dem Brunnen geholt und in einer feierlichen Prozession in einem Kelch in die Kirche gebracht. Einer Legende zufolge erhoben die Hostien sich selbst aus der Tiefe des Brunnens in den vorgehaltenen Kelch.</br> Um diesen Frevel zu rächen, versammelten sich die Ratsherren und eine große Anzahl Bürger in der Kirche von Schaching und schworen, die Juden zu vertreiben. Auch der herzogliche Pfleger in Natternberg, Hartmann von Degenberg, beteiligte sich daran. Am 30. September 1338 wurde mit der Glocke der St. Martinskirche am Rathaus das Zeichen gegeben, woraufhin die Bürger in die Häuser der Juden eindrangen und sie vertrieben. Diejenigen, die sich widersetzten, wurden erschlagen, und viele, so Klämpfl, zündeten selbst ihre Häuser an und verbrannten sich und ihre Angehörigen, um nicht in die Hände der Christen zu fallen.

Als Herzog Heinrich in Landshut davon erfuhr, lobte er dieses Vorgehen in einem eigenhändigen Schreiben und schenkte den beteiligten Bürgern alle Beute und alle Schulden, die sie bei den Juden gemacht hatten. Nun erbaute man dort, wo die Entehrungen vorfielen, eine Kirche. Man nannte sie „zum heiligen Grabe“, weil hier in Gestalt der Hostien gleichsam das erneuerte Leiden Christi zur Anbetung aufbewahrt wurde.

Klämpfl berichtete von seiner eigenen Zeit, dass noch immer jährlich 40.000 bis 50.000 Gläubige aus Bayern, Böhmen und Österreich nach Deggendorf strömten, um den Ablass zu gewinnen.

In Schaching erinnerte eine Steinsäule, die noch im 19. Jahrhundert erneuert wurde, an den Bund zur Vertreibung der Deggendorfer Juden. Sie trug die Aufschrift: Шаблон:Zitat

Darstellungen aus einem Gebetbuch, Deggendorf 1776

Das Volkslied Die Juden zu Deggendorf

„Die Juden zu Deggendorf“ ist ein niederbayerisches Volkslied das auf Andre Summer zurückgeht, in das Jahr 1337 datiert und im „Das Bayernbuch“ eines Joseph Maria Mayer, 1869 in München herausgegeben, veröffentlicht ist. Ein kurzer Auszug der christlichen antijüdischen Propaganda soll hier genügen:

Als man zählt dreizehnhundert Jahr</br> und sieben und dreißig, das ist wahr,</br> hat sich ein Sach begeben,</br> zu Deggendorf im Bayerland,</br> manchem Biedermann bekannt,</br> das sollt ihr merken eben.</br> Da sassen der Juden viel mit Haus,</br> die lebten sträfiglichen,</br> die machten z’samm ein‘ Bund durchaus,</br> zuwegen brächten Christi Leib,</br> das heilige Sakramente;</br> zu singen ich das schreib.</br></br>

Ein‘ Anschlag hätten sie gemacht,</br> ein Christenweib zuwegen bracht,</br> mit der ha‘n sie paktiret: (...)

Kritik und Ende der Wallfahrt

Bereits in der Zeit der Aufklärung wurde deutliche Kritik sowohl am Anlass (Gnadlegende und Judenpogrom, Ablass) wie auch am Ausmaß der Wallfahrt laut: Aus halb Südbayern kämen die Wallfahrer, im Jahr 1766 über 60.000. Dann folgt die Polemik im Stil des Josephinismus, dass bei einem anzunehmenden Mittel von jährlich 40.000 Pilgern und einer Dauer von drei Tagen der wirtschaftliche Schaden erheblich sei, „die wunden Füsse, die durch Hitze und Schwelgerei verdorbene Gesundheit, und das unnütz verschwendete Geld noch nicht mitgerechnet.“ Bis der Wunsch des Autors für ein Ende der Wallfahrt („Wenn doch ein wohlthätiger Patriot einst auf den Einfall käme, durch ein geschicktes Strategem die Hostien auf die Seite zu räumen, und dadurch der Gnade ein Ende zu machen, da es die Regierung nicht thut!“) in Erfüllung ging, brauchte es allerdings noch einige Zeit.

Auf die Verflechtung der Wallfahrt mit dem Pogrom wiesen dann im 19. Jahrhundert u. a. Johann Christoph von Aretin und danach Ludwig Steub hin. Kurz nachdem der Theologe Rudolf Graber zum Bischof von Regensburg berufen wurde und internationale Kritik längst auf die Einstellung der Deggendorfer Gnad drängte, verurteilte Graber zur Wallfahrtseröffnung im Jahr 1962 die grausamen Judenverfolgungen seit dem Mittelalter. Die Wallfahrt aber, so Graber, diene nicht der Verherrlichung des Judenmordes und „deshalb werden wir nie und nimmer einigen Artikel- und Briefschreibern zulieb die Deggendorfer Gnad einstellen.“ Damals wandelte Bischof Graber die Deggendorfer Gnad in eine eucharistische Veranstaltung um, die Sühne leisten soll, für all die Verbrechen, „die unser Volk begangen hat, im frühen Mittelalter, im späten Mittelalter […] vor allem in der jüngsten Vergangenheit.“

Die Kritik an der fortbestehenden Wallfahrt war mit der Neuausrichtung nicht beendet. Im Herbst 1991 wurde die Hostienfrevellegende, die der Deggendorfer Gnad zugrunde liegt, im Rundbrief der Regensburger Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit als „handfeste religiöse und politische Lüge, die Antijudaismus produzierte“ bezeichnet.

Erst nach Abschluss der einschlägigen Doktorarbeit des Kirchenhistorikers Manfred Eder, die von der katholischen Fakultät der Universität Regensburg betreut wurde, hat Bischof Manfred Müller, der Nachfolger Grabers, die Wallfahrt im März 1992 eingestellt. Im Hirtenwort des Bischofs von Regensburg an die Katholiken in Deggendorf heißt es dazu:

„Da jetzt die Haltlosigkeit jüdischer Hostienschändungen auch für den Deggendorfer Fall endgültig bewiesen ist, ist es ausgeschlossen, die 'Deggendorfer Gnad' - noch dazu als 'Eucharistische Wallfahrt der Diözese Regensburg' - weiterhin zu begehen.“

Eine „geistige Aufarbeitung und Bewältigung des Komplexes der ‚Deggendorfer Gnad‘ “ stehe noch aus.

Kunst

Шаблон:Belege fehlen Die dreischiffige Basilika mit einschiffigem Chor steht am südlichen Ende des Stadtplatzes. Sie erhielt ihren auffälligen, 70 Meter hohen Turm erst zwischen 1722 und 1727. Zuvor befand sich nur ein Dachreiter auf der Kirche.

Am 1. September 1722 erfolgte die Grundsteinlegung zum Turmbau. Er wurde nach den Plänen von Johann Baptist Gunetzrhainer aus München durch Stadtmaurermeister Johann Mayr begonnen. Fortgesetzt und vollendet wurde er nach Mayrs Erkrankung ab 1723 durch dessen Schwiegersohn Johann Michael Fischer, zu dessen ersten Werken er gehört. Am 9. Oktober 1727 war der Bau vollendet. Der Turm ist reich gegliedert und wird durch eine Nachbildung der Gnad-Monstranz bekrönt, die erst 1728 auf die Kuppel kam. Am Osterfest desselben Jahres erfolgte die feierliche Weihe.

Das Innere wurde bis auf ein Abendmahlsrelief von Martin Leutner 1868 regotisiert. Der sogenannte „Judenaltar“, ein Gedenkaltar, der erstmals für 1604 nachweisbar ist, stand über dem Ort des behaupteten Hostienfrevels unter der Orgelempore. Ein Teil von ihm befindet sich jetzt als Altartisch am Hochaltar, dem sogenannten „Bäckeraltar“, der um 1510 entstand. Dieser ist ein geschnitzter Flügelaltar mit der Darstellung der Flucht nach Ägypten, der Beschneidung Christi, der Grablegung und des Zwölfjährigen im Tempel. Das Chorbogenkruzifix stammt von etwa 1450 und eine Madonna mit Kind entstand um 1480.

Literatur

  • Manfred Eder: Die „Deggendorfer Gnad“. Entstehung und Entwicklung einer Hostienwallfahrt im Kontext von Theologie und Geschichte. Passavia-Verlag, Passau 1992, ISBN 3-86036-005-1 (zugl. Dissertation, Universität Regensburg 1991).
  • Björn Berghausen: Das Lied von Deggendorf. Fiktion eines Hostienfrevels. In: Ursula Schulze (Hrsg.): Juden in der deutschen Literatur des Mittelalters. Religiöse Konzepte, Feindbilder, Rechtfertigungen. Niemeyer, Tübingen 2002, ISBN 3-484-10846-0, S. 233-253.
  • Franz Krojer: Deggendorf - Hostie - Maus. In: Aufschluss des Gäubodens. Differenz-Verlag, München 2006 (PDF)
  • Friedrich Lotter: Aufkommen und Verbreitung von Ritualmord- und Hostienfrevelanklagen, in: Jüdisches Museum der Stadt Wien (Hg.): Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Mythen, Wien 1995.

Einzelnachweise

Weblinks

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